Aachener Erklärung

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Verabschiedet
vom ersten Europäischen Wissenschaftsparlament
am 10. Oktober 2008 in Aachen

Wir, das Europäische Wissenschaftsparlament, ein Forum aus 120 jungen Menschen, Wissenschaftlern, Mitgliedern von nichtstaatlichen Organisationen und Wirtschafts- und Medienvertretern aus ganz Europa, kamen vom 8. bis zum 10. Oktober 2008 zusammen, um die Zukunft der Energieversorgung auf unserer Tagung mit dem Titel „Europa unter Strom – geht 2050 das Licht aus?“ zu erörtern. Die Herausforderungen, die auf uns warten, sind nicht rein technologischer Natur. Auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Interessen müssen gewahrt werden, und nicht zuletzt geht es auch um die Verantwortung jedes Einzelnen. Wir sind der festen Überzeugung, dass die notwendigen Änderungen nur über ganzheitliche Lösungsansätze zu erreichen sind.

Zweifellos gehört die Bereitstellung grüner und nachhaltiger Energie, die für alle Verbraucher bezahlbar ist, zu den größten Herausforderungen für die künftige sichere Energieversorgung in Europa. Mehr Forschung und Investitionen sind erforderlich, um die Energieeffizienz konventioneller Technologien zu verbessern. Gleichzeitig muss interdisziplinäre Forschung die verschiedenen alternativen Energien aus Biomasse, Geothermie, Solar- und Windkraft weiter untersuchen, ihre Zuverlässigkeit, geeignete Speichertechniken und die entsprechende Infrastruktur, wie zum Beispiel eine wasserstoffbasierte Infrastruktur mit Brennstoffzellen, weiterentwickeln. Bis zu welchem Grad diese Energien die konventionellen fossilen Brennstoffe heute ersetzen können, darüber gehen die Meinungen auseinander. Dass sie sie in der Zukunft ersetzen müssen, ist dagegen unstrittig. Trotzdem müssen wir dafür Sorge tragen, dass Europas Bedarf an grüner Energie nicht mit Ressourcen befriedigt wird, die von Menschen in anderen Teilen der Erde dringend benötigt werden. Bei der Erforschung von erneuerbaren und nachhaltigen Energiequellen sollten auch geographische und natürliche Gegebenheiten des jeweiligen Landes Berücksichtigung finden. Dadurch kann eine geographische und natürliche Streuung der Energiequellen erreicht werden. Eine Lokalisierung der Energieerzeugung und eine Reduzierung der Energieabhängigkeit sind dabei positive Nebeneffekte. Langfristig muss eine autarke Versorgung mit bezahlbarer, nachhaltiger und grüner Energie Ziel der Europäischen Union sein.

Da technologischer Fortschritt allein für die Lösung zukünftiger Herausforderungen nicht ausreichen wird, muss er von einem Steuerungssystem unterstützt werden, das auf Beteiligung und Zustimmung der Betroffenen basiert. Macht- und Regierungsstrukturen, z. B. auch rechtliche Rahmenbedingungen und Steuersysteme, müssen dahingehend geändert werden, dass grundlegende Maßnahmen für naturverträgliche Alternativen möglich und bezahlbar werden. Gleichzeitig und in gleichem Maße müssen Anreize geschaffen werden, damit mehr individuelle Entscheidungen zugunsten energiebewusster Lösungen, unabhängig von den eigenen finanziellen Mitteln getroffen werden können.

Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, müssen gerade junge Menschen in die Lösungsfindung mit einbezogen werden. Die Entscheidungsträger aller Ebenen müssen bei Beschlüssen, die auch die junge Generation betreffen, ihren unkonventionellen und mutigen Ideen Gehör schenken und sie berücksichtigen. Eine neue stärker an ethischen Grundsätzen ausgerichtete Politik, muss also dafür sorgen, dass junge Menschen an Entscheidungen stärker teilhaben und mit einbezogen werden, denn es ist ihre Zukunft, über die entschieden wird.

Bildung und Medien spielen eine ähnlich entscheidende Rolle. Bildungssysteme auf allen Ebenen (von der Grund- bis zur Hochschule), in allen Formen (offiziell und inoffiziell) und auf allen Verbreitungswegen (von der Schule bis zu den Medien) sollten über aktuelle Themen aus dem Bereich Energie informiert sein und selbst darüber informieren. Durch die Medien müssen zuverlässige und neutrale Informationen über den Stand der Energieressourcen, den daraus zu ziehenden Konsequenzen und über neue Energiequellen und Technologien verbreitet werden. Fehlendes Wissen und mangelnde Informationen beeinträchtigen Nachhaltigkeit und Umweltschutz, denn fehlerfreie, für jeden Bürger verständliche Analysen, Daten und Informationen sind von größter Bedeutung, wenn wir noch heute für ein Umdenken sorgen wollen.

Das Bewußtsein der gegenseitigen Abhängigkeit und einer gemeinsamen Zukunft aller Menschen auf diesem Planeten zu stärken, muss der Ausgangspunkt dafür sein, jeden Einzelnen für sein Handeln verantwortlich zu machen. Denn Individuelle Verantwortung ist sehr viel mehr als Individualität. Sie ist mit der Idee von Bürgerschaft und Gemeinschaft verbunden. Verantwortliches Handeln jedes Einzelnen ist eine solide Basis, von der aus der Umgang mit Energie verändert werden kann. Dennoch werden individuelle Handlungen allein keine Änderung herbeiführen können, solange sie nicht innerhalb einer unterstützenden Gemeinschaft stattfinden. Um die Bürger zum Umdenken zu bewegen, müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden: Sowohl angemessene Subventionen und eine unterstützende Infrastruktur als auch neutrale und zuverlässige Informationen, Sensibilisierung und Bildung sind erforderlich. Individuelle Verantwortung zur Nachhaltigkeit muss auf allen politischen Ebenen Förderung und Unterstützung finden.

Europa steht nicht allein vor der immensen Herausforderung, alternative Energiequellen zu suchen: Dies ist Aufgabe der gesamten Welt. Daher sollte die Europäische Union nicht nur in die Entwicklung neuer
Technologien investieren, sondern auch ihr Wissen mit wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern teilen, um den Lebensstandard in den Entwicklungsländern anzuheben. Die EU muss aktiv und finanziell die Länder der südlichen Welthalbkugel auch in der Entwicklung nachhaltiger Energien unterstützen. Gleichermaßen können europäische Unternehmen durch gezielte Investitionen und technologischen Transfer den Bereich ihrer Wirtschaftsaktivitäten erweitern und dabei einen Beitrag zu einer weltweit sicheren Energieversorgung leisten.

Dabei muss Europa anderen Regionen der Welt und Schwellenländern eine größere Rolle in internationalen Beziehungen und Foren zugestehen, zum Beispiel bei der UN oder den G8, um gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme zu suchen. Die Europäische Union muss mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen auf dem Energiesektor weltweit zu verbessern. Nur so können mögliche negative Wirtschaftseffekte eines einseitigen europäischen Lösungsansatzes vermieden werden.

Das gilt auch für andere Maßnahmen, die den europäischen Industrien zunächst einmal zusätzliche Kosten aufbürden, jedoch langfristig für unsere Zukunft unvermeidlich sind. Da sich die Europäische Union auf die Respektierung der Menschenrechte gründet – ein zentraler Wert und ein fundamentales Element ihrer Identität seit ihrem Bestehen – ist es von höchster Bedeutung, dass die EU und ihre Mitgliedsstaaten die Menschenrechte von Arbeitern im Energiesektor sowohl innerhalb als auch außerhalb der Union sicherstellen.

Angesichts der oben angeführten Gründe fordern wir die Europäische Union dazu auf

  • ein Rahmenwerk zu erstellen, das jeden Mitgliedsstaat dazu verpflichtet, alle notwendigen Schritte für eine Umstellung auf Nutzung neuer Energien zu unternehmen, die den eigenen natürlichen Ressourcen entsprechen.
  • Biokraftstoffe der zweiten Generation zu fördern und zu unterstützen, weiterhin Windkraft, Solarenergie, solarthermische und aus Biomasse erzeugte Energie, sowie nukleare Fusionsenergie zu fördern
  • die Erforschung der Nutzung von Solarzellen auf z.B. Straßen und Gebäudefassaden zu unterstützen, damit langfristig aus Energieverbrauchern Energiequellen werden.
  • ein System von Jungbotschaftern im Europäischen Parlament zu integrieren.
  • eine Person unter 30 Jahren zum EU Kommissar für Zukunft zu ernennen.
  • Vorzuschreiben, dass auf jedem Verkaufsprodukt die entstandenen CO2-Emissionen angegeben werden. Zusätzliche Warnhinweise auf Elektrogeräten sollen als Information für den Verbraucher dienen und diesen dazu anhalten, den Energieverbrauch zu reduzieren. Im Bereich Beleuchtung und Armaturen muss die Verwendung von Sensoren, die bei Nichtgebrauch automatisch abschalten, Vorschrift werden. Hersteller müssen dazu angehalten werden, den Standby-Verbrauch aller Geräte zu optimieren.
  • einen Wettbewerb im niedrigsten Energieverbrauch pro Kopf zwischen Bürgern, Städten und Regionen zu organisieren, um so die europäischen Bürger zum Energiesparen zu motivieren.

Wir müssen unter allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union einen Konsens erreichen über

  • die Erhöhung der Steuern auf fossile Brennstoffe bei gleichzeitiger Abschaffung der Mehrwertsteuer auf umweltverträgliche Produkte.
  • die Berücksichtigung des Standes der Wissenschaft in bestehenden Gesetzen über Energieeffizienz
  • den Preis und damit die Attraktivität öffentlicher Transportmittel, so dass der Gebrauch von privaten Fahrzeugen reduziert wird.
  • die Gewichtung ökologischer Themen bei der Ausbildung von Lehrern – und folglich bei der Erziehung von jungen Menschen. Bei der Ausbildung muss Wissen und Verständnis für die gegenwärtige Energiesituation vermittelt werden. Schulen müssen zu Orten werden, an denen der gegenwärtige Lebensstil und seine Auswirkungen auf die Umwelt und die globale Gemeinschaft geprüft und reflektiert werden.
  • den Einbezug von Kindern in den Umweltschutz von frühem Alter an.
  • das Recht junger Menschen, tatsächlich über wichtige Entscheidungen abstimmen zu dürfen, und nicht nur bei den vorbereitenden Prozessen eine Rolle zu spielen.

Alle Anwesenden verpflichten sich dazu, und fordern alle Wissenschaftler dazu auf, die Türen für die Öffentlichkeit und insbesondere die junge Generation zu öffnen, um den Bürgern neue Energien nahe zu bringen und sie davon zu überzeugen, dass unser Kurs noch geändert werden kann. Wenn man die Zukunft als unausweichliche Bedrohung betrachtet, wird das zu einem Gefühl von Ohnmacht und Passivität führen. Wir sind jedoch nicht untätige Opfer einer für uns unveränderlichen Zukunft, sondern wir können eine Änderung bewirken, können die Zukunft beeinflussen. Wir, das Europäische Wissenschaftsparlament verpflichten uns, Vorbilder für bewussten Umgang mit Energie zu sein: Lasst uns die Idee der Nachhaltigkeit verbreiten! Lasst sie uns auf unsere gemeinsamen Chancen und Möglichkeiten aufmerksam machen – damit gemeinsam die Initiative ergriffen wird.

Aachen, den 10. Oktober 2008

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